Deutschland will wieder den Kontakt zu Teheran suchen. Gleichzeitig sprechen die eigenen und die westlichen Sicherheits- und Sanktionsakten eine andere Sprache: Iran bleibt aus Sicht der Proliferationsabwehr ein akuter Beschaffungsakteur, deutsche Firmen tauchen in US-Verfahren und Sanktionsmaßnahmen auf, und in der deutschen Wissenschafts- und Forschungslandschaft arbeiten weiterhin Personen mit Iran-Bezug in technologisch sensiblen Feldern. Das beweist für sich genommen kein Fehlverhalten der betroffenen Wissenschaftler. Aber es belegt eine strukturelle deutsche Widersprüchlichkeit: Berlin betont Menschenrechte, Nichtverbreitung und regelbasierte Ordnung – und hält zugleich ein Umfeld offen, in dem Wissen, Komponenten, Kontakte und Beschaffungskanäle mit Iran-Bezug weiter wirksam bleiben können.
Ich zeige hier einen kleinen Auszug meiner Recherche, die sich auf aktuelle Fälle bezieht:
Dieser Auszug dokumentiert ein Bündel von Fällen in Deutschland, in denen iranische Staatsangehörige in Bereichen wie nuklearer Verifikation, Nuklearmedizin, nuklearen Anlagen, laserunterstützter Fertigung, MEMS- und Sensortechnik, KI, autonomen Drohnenschwärmen usw. tätig sind. Einzelne Einträge verweisen zudem auf frühere Tätigkeiten oder Ausbildungsstationen in Iran sowie auf die Mitarbeit in öffentlich finanzierten Forschungszusammenhängen in Deutschland. Die bloße Existenz dieser Profile ist noch kein Beleg für Spionage oder verbotenen Technologietransfer. Aber sie zeigt, dass Deutschland im sensiblen Bereich nicht nur Markt, sondern auch Wissensraum ist – und genau darin liegt das Problem.Diese Anfälligkeit ist keineswegs bloß eine polemische Zuspitzung. Im Verfassungsschutzbericht 2023, veröffentlicht im Juni 2024, schreibt das BfV ausdrücklich, dass proliferationsrelevante Staaten für Entwicklung und Herstellung von CBRN-Waffen und Trägersystemen auf den Weltmarkt und auch auf Deutschland angewiesen seien. Es beschreibt typische Umgehungsmethoden: Drittländer, Tarnfirmen, falsche Angaben zu Verwendungszweck und Endverwender sowie verschleierte Finanztransfers. Für Iran ist die Formulierung besonders deutlich: Im Bereich der iranischen Trägertechnologie- und Raketenprogramme seien die Beschaffungsaktivitäten in Deutschland „anhaltend hoch – mit steigender Tendenz“. Wer das liest, kann nicht mehr ernsthaft behaupten, Deutschland sei nur ein unbeteiligter Beobachter.
Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Punkt: Beschaffung ist schon lange nicht nur Wareneinkauf, sondern auch Wissenszugang. Gerade in Feldern mit Dual-Use-Charakter – Sensorik, Materialwissenschaft, KI, Robotik, Drohnentechnik, Nuklear- und Chemiewissen – kann schon die legale Einbindung in Forschungskontexte langfristig sicherheitspolitische Relevanz entfalten. Das bedeutet nicht, dass jede internationale Wissenschaftskooperation verdächtig ist. Es bedeutet aber, dass ein Staat, der Iran zugleich als Proliferationsrisiko einstuft, dieselbe Offenheit nicht mehr naiv als rein akademische Normalität behandeln darf. Genau diese strategische Nüchternheit fehlt in Deutschland seit Jahren.
Die amerikanischen Regierungsquellen sind in dieser Hinsicht noch konkreter. Das U.S. Department of the Treasury erklärte am 20. März 2024, es gehe gegen Beschaffungsnetzwerke in Iran, der Türkei, Oman und Deutschland vor, die Irans ballistische Raketen-, Nuklear- und Verteidigungsprogramme unterstützt hätten. Genannt werden dabei aus Deutschland heraus operierende Strukturen. Treasury spricht von beschafften Kohlenstofffasern, Epoxidharzen und weiteren „missile-applicable goods“ für die IRGC Aerospace Force Self Sufficiency Jihad Organization, MODAFL und TESA, also Akteure aus dem iranischen Verteidigungs- und Nuklearumfeld. Mit anderen Worten: Aus US-Sicht ist Deutschland nicht nur theoretisch verwundbar, sondern real Teil relevanter iranischer Beschaffungsnetzwerke gewesen.
Noch plastischer wird es in der US-Strafjustiz. Die U.S. Attorney’s Office for the Eastern District of New York erklärte am 1. April 2025, die iranische Firma Rah Roshd und zwei iranische Staatsangehörige hätten U.S.-Technologie für iranische Drohnen beschaffen wollen und der IRGC materielle Unterstützung geleistet. In der zugehörigen complaint heißt es ausdrücklich, dass Preisangebote für elektronische Teile bei Lieferfirmen unter anderem in China, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland eingeholt wurden. Deutschland erscheint hier also nicht bloß als allgemeines Risikofeld, sondern als konkret angefragter Beschaffungsmarkt in einem Drohnenkontext mit IRGC-Bezug.
Auch 2025 riss diese Linie nicht ab. Das U.S. Treasury teilte am 1. Oktober 2025 mit, dass die Deutschland-basierte Star Management Group GmbH ein Hubschrauberteil an die iranische Pasargad Helicopter Company geliefert und ein Schema mit Zwischenhändlern unterstützt habe. Am 12. November 2025 meldete Treasury dann, die Deutschland-basierte EVA Handelsgesellschaft UG sei Teil eines Netzwerks, das Vorprodukte wie Natriumchlorat, Natriumperchlorat und Sebacinsäure für Parchin Chemical Industries beschafft habe – also Stoffe mit direkter Relevanz für Raketenantriebe und das ballistische Raketenprogramm.
Dazu passt der OFAC-Fall Aiotec. Die US-Sanktionsbehörde veröffentlichte am 3. Dezember 2024 eine Settlement Agreement mit der Berliner Aiotec GmbH über 14,55 Millionen Dollar. Der Vorwurf: Beteiligung an einer Verschwörung, um zwischen 2015 und 2019 eine australische Polypropylen-Anlage über Täuschung, falsche Endverbleibserklärungen und irreführende Dokumente indirekt nach Iran zu liefern. Auch das ist ein wichtiges Muster: selbst wenn ein Fall nicht unmittelbar das engste Nuklearsegment betrifft, zeigt er, wie deutsche Firmen, Zwischenstationen und Legendenbildung in Iran-Geschäften funktionieren können – mit Türkei-Narrativ, Papiertricks und bewusst verschleierter Endverwendung.
Ebenso wie bei der ersten Tabelle habe ich aus rechtlichen Gründen wichtige Passagen schwärzen müssen, um jegliche konkrete Nennung zu vermeiden. Ebenso habe ich die exakten Daten unkenntlich gemacht, um eine genaue Schlussfolgerung zu einer konkreten Firma, Institution oder Person zu verhindern. Im Text nenne ich ausschliesslich die bereits in öffentlichen Gerichtsverfahren publizierten Namen.
Während diese Lage besteht, will Berlin wieder direkt mit Teheran sprechen. Bundeskanzler Merz erklärte auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz, Deutschland werde die Gespräche mit Teheran wieder aufnehmen. Die Bundesregierung wolle sich in Abstimmung mit den USA und europäischen Partnern diplomatisch für ein Ende des Iran-Kriegs einsetzen. Zugleich stellte Merz eine deutsche Hilfe zur Sicherung der Straße von Hormus nach einem Friedensschluss in Aussicht – unter internationalem Mandat. Das mag außenpolitisch begründbar sein. Aber politisch wirkt es wie ein abrupter Rollenwechsel: vom Mahner gegen Repression, Proliferation und Destabilisierung hin zum erneuten Brückenbauer gegenüber einem Regime, dessen Verhalten dieselben westlichen Regierungen an anderer Stelle als schwerwiegendes Sicherheitsproblem einstufen.
Besonders unerquicklich ist, dass diese neue Gesprächsbereitschaft offenkundig in einem energiepolitischen Umfeld stattfindet. Die Deutsche Welle verweist auf ein Krisengespräch der Bundesregierung zu den infolge des Iran-Krieges gestiegenen Energiepreisen. Parallel berichtet Intelligence Online – ausdrücklich mit dem Vorbehalt, dies sei nicht offiziell bestätigt –, mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland, hätten inmitten der Iran-Krise diskrete Gespräche mit Russland über Energiefragen erwogen. Gedacht gewesen sei an ein Treffen in der Schweiz, offiziell zur Ukraine, inoffiziell aber zur Entschärfung der Energiekrise, womöglich auch durch Lockerung bestimmter Sanktionen gegen russisches Öl. Die Pläne seien noch am selben Tag fallengelassen worden. Selbst wenn man diese Information vorsichtig behandelt, ist die Stoßrichtung politisch verheerend: Erst Menschenrechte, dann Energie. Erst Härte in der Rhetorik, dann diskrete Kanäle, sobald der Preis an der Zapfsäule steigt.
In der gemeinsamen Erklärung von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA vor dem IAEA-Board im Juni 2025 heißt es, die Behörde könne wegen Irans langjähriger mangelnder Kooperation nicht zusichern, dass das iranische Nuklearprogramm ausschließlich friedlich sei. Genannt werden undeclared locations, verweigerte Erklärungen, Obstruktion, concealment, deception und obfuscation. Ausserdem sei Iran der einzige Staat ohne Kernwaffen, der Uran auf 60 Prozent anreichere. Im November 2025 erklärte das E3-Lager (Deutschland, Frankreich, UK) weiter, Irans Vorrat an angereichertem Uran liege beinahe beim 50-Fachen des JCPoA-Limits, darunter mehr als 440 Kilogramm bis zu 60 Prozent angereichertes Uran – also mehr als zehn IAEA-„significant quantities“ an hochangereichertem Material. Und im März 2026 betonte dieselbe E3-Seite erneut, die IAEA habe seit über acht Monaten keinen hinreichenden Zugang zu mehreren iranischen Anlagen, könne den Uranbestand nicht verifizieren und sehe ein wachsendes Diversionsrisiko, besonders in Isfahan. Man kann also diplomatische Gespräche wollen – aber man kann dabei nicht so tun, als sei die nukleare Bedrohung nur ein altes Narrativ. Sie ist laut westlichen Regierungsquellen aktuell.Genau hier liegt der Kern der deutschen Widersprüchlichkeit. Deutschland argumentiert gern normativ: Menschenrechte, Völkerrecht, Nichtverbreitung, Schutz der Zivilgesellschaft. Das ist richtig. Aber sobald die geopolitischen und ökonomischen Kosten steigen, rutschen wieder alte Reflexe nach vorn: Brücken bauen, Gesprächskanäle öffnen, maritime Stabilisierung anbieten, Energiepreise dämpfen, Eskalation vermeiden. Auch das kann rational sein. Doch glaubwürdig ist es nur, wenn es im Inland von einer deutlich härteren Risiko- und Kontrollpolitik begleitet wird: Bessere Prüfung sensibler Forschungskooperationen, strengere Kontrolle von Dual-Use-nahen Technologiefeldern, mehr Transparenz über Förderlogiken, schnellere Ermittlungen bei Umgehungsstrukturen und endlich eine nüchterne Debatte darüber, welche Teile der deutschen Wissenschafts- und Industrielandschaft aus Sicht autoritärer Proliferationsakteure attraktiv sind.
Dabei muss man eine Grenze klar ziehen: Es geht nicht um Generalverdacht gegen iranische Wissenschaftler, gegen ausländische Forscher oder gegen Internationalisierung an sich. Es geht um die politische Verantwortung des deutschen Staates. Wenn deutsche Behörden selbst von anhaltend hohen iranischen Beschaffungsaktivitäten sprechen, wenn US-Behörden Deutschland wiederholt in Netzen für Raketen-, UAV- und Verteidigungsbeschaffung nennen, und wenn zugleich in Deutschland weiter an sensiblen Technologien mit potenziellem Dual-Use-Charakter gearbeitet wird, dann reicht es nicht, auf abstrakte Offenheit und akademische Freiheit zu verweisen. Ein Staat muss wissen, welche Risiken er bewusst in Kauf nimmt. Deutschland wirkt derzeit eher so, als wolle es diese Frage gar nicht stellen.
Am Ende bleibt daher ein unbequemer Befund: Deutschland kritisiert Iran, sanktioniert Iran, verhandelt mit Iran – und bietet zugleich einen Raum, in dem iranrelevante Wissens-, Beschaffungs- und Kontaktstrukturen weiter anschlussfähig bleiben. Das ist kein konsistenter Kurs, sondern eine Form strategischer Selbsttäuschung. Wer es mit Menschenrechten ernst meint, darf Repression nicht situativ relativieren. Wer es mit Nichtverbreitung ernst meint, darf nukleare und militärische Risiken nicht hinter Energie- und Stabilitätsargumenten verstecken. Und wer wieder mit Teheran spricht, sollte zuerst ehrlich sagen, welche roten Linien innen- wie außenpolitisch tatsächlich noch gelten. Sonst bleibt vom deutschen Iran-Kurs nur eines übrig: moralischer Anspruch nach außen, operative Nachlässigkeit nach innen.

