PLA-Purge 2023–2026: Eine gute Gelegenheit für westliche Nachrichtendienste?

 (Stand: Februar 2026)

Xi Jinpings fortlaufende Säuberungswelle innerhalb der Volksbefreiungsarmee (PLA) hat seit 2023 die oberste militärische Führungsebene systematisch enthauptet. Was als angebliche Korruptionskampagne begann (Rocket Force 2023), hat sich zu einer der tiefgreifendsten personellen Umwälzungen seit den 1970er Jahren entwickelt. Von den sechs uniformierten Mitgliedern der Central Military Commission (CMC) plus Xi Jinping sind nur noch Xi selbst und Zhang Shengmin übrig – ein Verlust von über 70 % der operativen Spitzenführung in weniger als drei Jahren. Zhang Shengmin hat im übrigen kaum militärische Erfahrung, sondern hat sich als loyaler Politkommissar (CCDI/Discipline Inspection) einen Namen gemacht.

Für westliche Nachrichtendienste ist das ein historisches Ereignis: Die PLA-Führung ist derzeit so instabil und durch Misstrauen gelähmt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Genau die Knotenpunkte, die für operative Intelligenz, C4ISR-Fusion, Joint-Command und strategische Frühwarnung verantwortlich waren, sind vakant oder durch unerfahrene Loyalisten ersetzt worden. Das schafft unter Umständen:

  • massive Lücken in der Entscheidungskette (OODA-Loop-Verzögerungen von Minuten auf Stunden oder Tage),  
  • institutionellen Gedächtnisverlust bei sensiblen Systemen (Hyperschall, nukleare C2, Satelliten-gestützte Zielzuweisung),  
  • erhöhte Fehleranfälligkeit in der C4ISR-Architektur durch hastige Neubesetzungen und reduzierte Tests,  
  • eine dramatische Zunahme interner Paranoia, die wiederum neue HUMINT- und SIGINT-Chancen eröffnet.

Kurz: Die PLA ist operativ brüchiger, während ihre Intransparenz paradoxerweise abnimmt – weil verunsicherte Offiziere Fehler machen, weil Loyalitätschecks Priorität vor Kompetenz haben und weil Xi zunehmend direkt in operative Details eingreift. Für den BND und seine Partner ist das ein einmaliges Zeitfenster: Chaos ausnutzen, bevor die neue Garde alles wieder verriegelt und die PLA in eine politisch zuverlässige, aber technisch rückständige Maschine verwandelt.

Entfernte Schlüsselpersonen (bzw. es wird gegen sie ermittelt)

1. Zhang Youxia – Senior Vice Chairman CMC (höchster uniformierter Offizier, Kampfveteran, Architekt der Joint-Operations-Modernisierung)  

2. Liu Zhenli – Chief of CMC Joint Staff Department (operative Planung, Joint-Command-Ausführung, direkte C4ISR-Integration)  

3. He Weidong – Vice Chairman CMC (ehemals Eastern Theater, Fujian-Loyalist)  

4. Miao Hua – Director CMC Political Work Department (ideologische Kontrolle, Loyalitätsprüfung)  

5. Li Shangfu – Verteidigungsminister / CMC-Mitglied (ehem. Equipment Development Department, Beschaffung)  

6. Li Yuchao – Commander Rocket Force (nukleare & konventionelle Raketen, Silo-Ausbau)  

7. Wang Houbin – Commander Rocket Force (Nachfolger von Li Yuchao, 2025 entfernt)  

8. Wei Fenghe – Ehemaliger Verteidigungsminister (ältere Rocket-Force-Ära, Symbol für alte Netzwerke)

Prognose: Operatiional Intelligence und C4ISR der PLA

Die Säuberung hat genau die Knotenpunkte geköpft, die Kommando, Aufklärung und Zielzuweisung zusammenschließen:

  • Liu Zhenlis Joint-Staff-Rolle war der Dreh- und Angelpunkt für Echtzeit-C4ISR-Fusion über alle Theater Commands. Die Vakanz führt zu sofortigen Verzögerungen in Entscheidungsschleifen (Stunden statt Minuten) bei Multi-Domain-Operationen.  
  • Raketenstreitkräfte-Kommandeure (Li Yuchao / Wang Houbin) waren für strategische Frühwarnung und Zweitschlag-C4ISR verantwortlich. Ihr Weggang zerstört das institutionelle Gedächtnis zu Silo-Härtung, mobilen Launchern und Hyperschall-Integration.  
  • Zhang Youxia trieb persönlich das 2027-Modernisierungs-Ziel voran. Ohne ihn fehlt auf CMC-Ebene ein kampferfahrene Offizier.

Drei plausible Szenarien (12–36 Monate)

1. Kurzfristige Lähmung (am wahrscheinlichsten 2026–2027)

Übungszyklen stocken, Manöver werden zu inszenierten Loyalitätsdemonstrationen, C4ISR-Datenaustausch sinkt um 30–50 % durch gegenseitiges Misstrauen (soweit meine heuristische Prognose). Taiwan-Kontingenz-Fenster schließt sich; eine glaubwürdige Operation (Strasse von Taiwan) ist vor Ende 2028 unwahrscheinlich.

2. Loyalty-over-Competence-Reset (2027–2029)  

Xi besetzt Lücken mit Politkommissaren (Zhang-Shengmin-Typ). Operatives Tempo erholt sich auf dem Papier, aber Innovation bei KI-gestütztem C4ISR und Cyber-Elektromagnetischem Krieg verlangsamt sich. Risiko katastrophaler Fehlkalkulationen steigt, weil unerfahrene Kommandeure Xi-Befehle überinterpretieren.

3. Beschleunigtes internes Kollaps-Risiko (Tail-Event)  

Säuberung greift auf mittlere Ebene über; C4ISR-Architektur zerfällt in abgeschottete „sichere“ Kanäle. Satellitenaufklärung, Quantenkommunikation und Hyperschall-Kill-Chain verlieren 2–3 Jahre Fortschritt. Die PLA wird politisch zuverlässig, aber operativ brüchig – das genaue Gegenteil von Xis „Weltklasse-Armee“-Ziel.

Was der BND jetzt tun könnte

Wichtige Veränderungen, auf die sich der BND einstellen muss:  

  • PLA wird entweder noch undurchsichtiger: Leaks und Überläufer sinken drastisch, da Offiziere Säuberungsangst haben. Oder aber - wie oben angedeutet -die angegriffenen Entscheidungsabläufe führen zu mehr unfreiwiliger Transparenz, weil Fehlentscheidungen und schlechtes Management Fehler produziert - und damit die Abläufe für westliche Nachrichtendienste verständlicher macht.  
  • C4ISR-Schwachstellen explodieren (ungepatchte Systeme, hastige Neubesetzungen, reduzierte Tests).  
  • Interne Überwachung im Militär schafft neue SIGINT-Chancen, aber auch höheres Gegenaufklärungsrisiko.  
  • Xis absolute Kontrolle reduziert Fraktionsleaks, erhöht aber Wahrscheinlichkeit plötzlicher, schlecht koordinierter Außenaktionen (Taiwan, Südchinesisches Meer).

Konkrete Handlungsoptionen für den BND (priorisiert nach Machbarkeit)

1. SIGINT & Cyber  

Massiv ausbauen: Sammeln auf PLA-Kommando-Netzen, d.h. Verbindungen zwischen den fünf Theater Commands der PLA und der Central Military Commission (CMC) anzapfen, wo es nur geht. Die neuen, unerfahrenen C4ISR-Teams machen vermutlich mehr Fehler – genau da zuschlagen. Mit Partnern das  passive Sammlung auf chinesischen Dual-Use-Satelliten verstärken.

2. HUMINT  

Fokus auf chinesische Militärattachés in Berlin/Brüssel, Diaspora-Ingenieure beispielsweise von CASIC/CETC, die nach Deutschland reisen, und potenzielle Überläufer aus unteren Raketen- oder Joint-Staff-Einheiten. Schnelle Asyl- + Finanzpakete anbieten. Interessant sind auch einzelne, in Afrika stationierte  chinesische Funktionsträger. 

3. OSINT + IMINT  

Kommerzielle Satelliten intensiv auf Silos, Marinebasen und Übungsmuster richten. Personelle Veränderungen via chinesische Social Media und offizielle Fotos tracken („leerer-Stuhl“-Methode funktioniert jetzt besser denn je).

4. Alliierte Fusion  

Echtzeit-Sharing mit Five Eyes und taiwanesischer Militäraufklärung zu C4ISR-Knoten vertiefen. Vermehrt in NATOs China-Desk einspeisen.

5. Defensive Haltung  

Deutsche Industrie (Rheinmetall, Hensoldt, Airbus) über PLA-C4ISR-Schwächen beraten, damit deutsche Systeme diese in Hybrid-Szenarien ausnutzen können. Red-Team-Übungen mit post-purge-PLA (40 % degradierter Joint-Command) durchführen.

Fazit  

Die Säuberung ist ein nachrichtendienstliches Geschenk der seltenen Art – die PLA-Führung ist so verunsichert und durchlöchert wie seit Mao nicht mehr. Wer jetzt aggressiv sammelt, gewinnt 2–4 Jahre Vorsprung an Einsicht in Chinas militärische Schwachstellen. Das Fenster schließt sich schnell.